Die Kräuterfrau erzählt ....

Die Kräuterfrau erzählt von der Wegwarte:

Sie stand noch eine Weile da.
Sie mochte Abschiede nicht. Schnell weg hier, alles hinter ihr lassen. Das wollte sie.
Dann wandte sie sich um und wollte nach Hause gehen. Sie tat einen Schritt mit dem rechten Fuß, aber der linke Schuh wurde von Pflanzen umschlungen und festgehalten. Sie wollte weiter, aber es ging nicht. Sie verzweifelte, sie wollte doch weiter. Schnell weg hier. Aber der Schuh ließ sich nicht von der Stelle bewegen. Sie stampfte mit dem rechten Fuß auf, voller Ungeduld. Und gleichzeitig sagte etwas in ihr, dass diese Zwangspause einen tieferen Sinn hatte. Schau dich um! 
Ihr Blick fiel auf eine blaue Blume. Wegwarte. Die schöne Traurige, die Wartende.
Bedenke, wo du herkommst. Wo stehst du nun? Macht es Sinn, jetzt sofort weiterzugehen? Nein, sagte sie sich, es ist Zeit für den Rückblick, einen Augenblick, um noch einmal inne zu halten und einen Moment zu warten, bevor sie den nächsten Schritt täte.
Das
Warten als ein Moment vor der Bewegung, ein Moment des Standpunkts, der Träume. Wo will ich denn hin? Oder will ich einfach nur weg? Weg von hier? Oder hin zu neuen Aufgaben?
Die Wegwarte zeigte es ihr: nimm wahr, dass du genau hier stehst. Dass du bis hierhin gegangen bist. So dass du dann Ausschau halten kannst auf das, was kommt. 
Und sie blickte noch einmal um sich. Nahm die Pflanzen wahr, erinnerte sich... Und dann hielt sie Ausschau. Sie sah eine Landschaft, die ihr gefiel. Voller Freude und Leichtigkeit ging sie weiter. Dass der linke Schuh festgewachsen war, hatte sie völlig vergessen. Das war auch gar nicht mehr wichtig, es war ja nur ein Schuh. Und ihre Füße trugen sie auch ohne ihn.

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